Worte des neuen ersten Vorsitzenden #Piraten

Der ZEIT gab der neue Vorsitzende der Piratenpartei – Sebastian Nerz – ein Interview, in dem ich einige interessante Aussagen finde. Dazu möchte ich anmerken, dass die Zeit ein sehr ernst genommenes Medium ist und keine Schülerzeitung. Insofern sollte man folgende Aussagen auch kritisch hinterfragen dürfen, denn auch andere werden Nerzs Aussagen interpretieren.

ZEIT ONLINE: Sind Sie für das bedingungslose Grundeinkommen?

Nerz: Ich fände es schön, wenn es funktionieren würde. Aber ich glaube nicht, dass es in einer globalisierten Volkswirtschaft umsetzbar ist.

Wer nicht an die Umsetzbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommen glaubt, wird wohl kaum diesbezügliche Anstrengungen der Partei unterstützen.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Sie Politikverdrossenheit mit Liquid Feedback entgegenwirken können?

Nerz: Ich bin kein überzeugter Liquid-Feedback-Fan. Es ist ein interessantes Tool, um Meinung zu erheben, aber ich halte es nicht für sinnvoll, um Beschlüsse zu fassen. Man hat dort keine Möglichkeit, anonym abzustimmen. Es gibt also keine Möglichkeit, Meinungsfreiheit wirklich umzusetzen.

Nur am Rande: „Kein überzeugter Fan“? Gibt es auch unüberzeugte Fans? Aber egal. Soweit ich diesbezügliche Systeme kenne, kann es keine sicheren und wirklich anonymen Abstimmungen geben. Das gerade die Piraten, welche Toleranz gegenüber anderen Meinungen in der Fahne stehen haben sollten, Meinungsfreiheit an der 100%igen Anonymität festmachen sollten, entzieht sich meiner Sicht der Dinge. Aber vielleicht bin ich da auch ein wenig unterinformiert oder schräg.

ZEIT ONLINE: Sollte das nicht eigentlich Ihre Stärke sein: sich zu vernetzen, transparent zu sein, zu kommunizieren?

Nerz: Das stimmt. Aber viele Köche verderben den Brei. Wenn jeder von etwas viel Ahnung hat, gibt’s Missverständnisse, wie man’s am besten macht.

Viele Köche verderben also den (Meinungsfindungs)Brei? Das hört sich ein wenig nach Herrschaftsdenken an. Ich mag mich irren, aber wer ein Problem damit hat, dass alle Köche aktiv an der Zusammenstellung der Speisekarte beteiligt sind, verhindert, dass wegweisende Minderheitenmeinungen es an die Spitze schaffen.

Ich fürchte, die Piraten haben da gerade den Rückwärtsgang eingelegt. Ich lasse mich gern das Gegenteil beweisen. Time will tell.

4 Gedanken zu „Worte des neuen ersten Vorsitzenden #Piraten

  1. Grüne reloaded. Wie ein Déja-vu. Der Süden wird stark, ehemalige Konservative steigen mit ein, Positionen oder Visionen werden mit Hinweis auf die unbesiegbare globale Realität relativiert, man tappt je nach Blickwinkel entweder in die „Glaubwürdigkeitsfalle“ (wie die Grünen, die von ihren hessischen und württembergischen „Freundinnen und Freunden“ mit diesem Drohgespenst auf Linie gebracht wurden) oder wird eben zur neuen („besseren“) FDP (was der neue Vorsitzende, der ja sein politisches Rüstzeug genau im richtigen Lager gesammelt hat, ja offen als Quasi-Ziel ausgibt).

    Nun, wie dem auch sei. Die frohlockenden Kommentare vieler, teils unbedarfter und junger, Piraten, zeigen: Man sehnt sich danach, endlich wie die großen zu werden und zu „radikale“ Positionen werden zunehmend verwässert oder mit dem Hinweis „wir dürfen nicht nur gegen etwas sein, sondern müssen zu jedem Vorstoß der anderen, egal wie dreist er sei, dann eine Alternative vorlegen“ abgebügelt.

    Ich denke in jedem Fall war dieses Wochenende eine Zäsur. Ja, die Partei kommt nun der ersehnten Anerkennung näher. Aber: Nein, sie wird am Ende nichts anders machen. „Klarmachen zum Ändern“, dessen bin ich mir seit heute sicher, bezieht sich ab sofort „auf sich selbst“, sprich: Glätten, bis man als Partei ins System paßt und seinen Platz zwischen FDP und Grünen gefunden hat. Wer das wollte, dem sei gratuliert, wer wie ich zumindest ganz am Anfang auf was anderes, neues hoffte (wie schon mal Anfang der 80er), dem gelte mein tiefes Mitfühlen.

  2. @David
    Erst einmal abwarten. Und genau beobachten.
    Darf man einen Tag nach der Wahl so schwarz sehen?
    Du zweifelst. Aber eher an deinen 80ern und schiebst dann andere Parteien nach.
    Denk mal nach. Ich verrenne mich bestümmt in nix. Ich gebe jedem eine Möglichkeit. Wenn er sie nicht nutzt… Mache ich mir meine Gedanken.
    In diesem Sinne…

    • @HHmyPearl:

      Ja, das darf man. 1. sowieso, weil jeder seine Meinung so schnell bilden darf, wie er das zu können meint, 2. wenn man den Werdegang einer für „hoffentlich anders“ erwarteten Neupartei wieder mal und schon länger falsch eingeschätzt hat.

      Die Piraten hatten für mich bis vor kurzem immer noch Welpenschutz, aber das ist in dem Moment, wo ihr Vorsitzender aufruft, zur neuen FDP zu werden, definitiv vorbei. Eine Haufen Naivkiddies und Zweitstartopportunisten. Mehr sind die für mich heute nicht mehr. Und ich muß betonen: Leider.

      PS. Holger, dein Antispam ist seltsam. Kommentar 1 ging sofort, dieser hier nicht. Arrgh! :$

  3. „Viele Köche verderben den Brei“ ist das Motto von Leninisten, Diktatoren und Antidemokraten. Wenn nur wenige bestimmen, was wie gekocht wird, schmeckt das Resultat auch nur wenigen. In den Restaurants, die ich besuche, äußere ich meine Wünsche, der Koch kocht das, der Kellner bringts mir.

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