Das Terrorurteil #TerrorIhrUrteil, Philosophie und das Grundgesetz

Sorry Leute, welch ein Schwachmatenkram. Was soll die Sendung, die Diskussion und vor allem die Abstimmung? Letztendlich kommen wir wieder auf das altbekannte Trolley-Problem zurück.

Um ETWAS weiter auszuholen: Vor dem Ende einer offenen Kette von Möglichkeiten ist alles offen. So kann – um zu der perversen Volksbefragung im TV zurück zu kommen – im ALLERLETZTEN Moment ein Passagier im Flugzeug den/die Attentäter überwältigen und so die Passagiere und die Besucher des Stadions retten.

Kant erklärt uns:“Du solltest nicht lügen“ – niemals, never – lügen ist Bäh-Bäh. Ja, sagt ihr, aber was ist in dem Fall, dass sich ein Freund von dir in deiner Wohnung versteckt und ein Mörder vorn an der Tür klingelt und dich fragt: „Ist dein Freund bei dir“? Was antwortest Du? Die erste Antwort wird natürlich immer sein (Für die Katholen: Lässliche Lüge): „Nein, der ist nicht hier, sorry ich kann nicht helfen “ um dann zu hoffen, dass der Mörder nicht in das Haus hinein kommt.

Was aber, wenn euer Freund das Gespräch mitverfolgt hat und aus dem Fenster entwischt? Wenn ihr die Wahrheit sagt: „Ja mein Freund ist hier“, wird er Mörder das Haus untersuchen und euer (geflüchteter) Freund ist in Sicherheit. Wenn ihr aber lügt „Nein, der ist nicht hier“ besteht die Möglichkeit, dass der Mörder euren flüchtenden Freund zwei Strassen weiter flüchten sieht und …. ihn tötet.

Wikipedia schreibt zu diesem Problem zurecht:
„Im deutschen Strafrecht hat die Unterscheidung zwischen Tun und Unterlassen erhebliche Folgen. Deshalb sind die beiden Fälle im Folgenden getrennt darzustellen. Wichtig ist ferner, dass im deutschen Strafrecht zwischen der Rechtfertigung und Entschuldigung (d. h. Rechtswidrigkeit ohne individuelle Vorwerfbarkeit) einer Tötung streng unterschieden wird.“

Das TUN gegen das NICHTTUN aufzurechnen ist äußerst gefährlich, denn niemand weiß, ob nicht NACH dem aktiven Eingriff in die Situation noch etwas passieren kann, was am Ende alle Beteiligten retten kann.

Abgesehen von der Philosophiererei – das Verfassungsgericht hat am 15. Februar 2006 eine eindeutige Bewertung erstellt: „Abschussermächtigung im Luftsicherheitsgesetz nichtig“ – der Abschuss ist NICHT mit deutschen Recht vereinbar. Abgesehen davon, dass in dem Fernsehspiel der Pilot auch noch eine Befehlsverweigerung begangen hat.

 

Das (Des)Informationszeitalter

Wir schreiben das Jahr 2016. Wir sollten im Informationszeitalter leben, sprich wir haben nahezu alle Informationen jederzeit direkt im Zugriff. Aber irgendwas läuft dennoch deutlich aus dem Ruder.

Als ich noch zur Schule ging – lang ist es her – begab ich mich ungefähr alle 2 Wochen mit einer großen Tüte zur öffentlichen Bücherhalle. Ich saugte Wissen auf wie ein Schwamm, mich interessierte vieles. Die Naturwissenschaften hatten es mir angetan. Politik und Geschichte – damals- noch nicht so. Die Bücherhalle war großartig. Sie war (und ist) ein schier unaufnehmbarer Berg an Input/Wissen.

In Zeitalter des Internets es einfacher. Ich muss nicht einmal mehr das Haus verlassen, denn Dank Internet und Suchmaschinen habe ich deutlich mehr Input direkt im Zugriff als jemals eine einzelne Bücherhalle/Bibliothek zur Verfügung stellen könnte. Und wenn ich unterwegs bin, greife ich zum Smartphone und kann während einer Unterhaltung im Restaurant/Bus schnell recherchieren, ob das, was ich glaube zu wissen, den Tatsachen entspricht. Fa-bel-haft!

Aber irgendwas läuft auch aus dem Ruder. Denn das „Wissen“, was früher in der letzten Stunde des Stammtisches verschwurbelt zum besten gelallt wurde, findet sich heute als „Information“ gleichwertig neben der aufwändig recherchierten, und auf Fakten (nicht Alkohol) basierenden Doktorarbeit. Es wird für den nicht ganz so kritischen Menschen schwieriger zu erkunden, welche Informationen fundiert sind und welche schlicht Märchengeschichten. Denn die Märchengeschichten (um nicht zu sagen Hirngespinste) verbreiten sich in gewissen Kreisen wie Lauffeuer. Diese Desinformationen werden oft von einem „Hast Du schon gehört“ oder „Du wirst es nicht glauben“ eingeleitet. Es gibt informelle Gruppe, die bewusst – und aus eigenem Interesse – Fehlinformationen genau SO platzieren, dass sie einen „Hallo-Effekt“ hervorrufen. Ob es um Chemtrails, die BRD-GmbH, Impfgegner, Kreationisten, Flatearth oder Reichsbürger geht. Jede Randgruppe hat ihren Bereich indem man sich gegenseitig die informellen Bälle zuspielt und so einen Bereich im Internet schafft, in der sich ein Informationsuchender intellektuell verlaufen kann.

Wir befinden uns in einem Bereich, in dem Teilen der Bevölkerung die Meinungsfreiheit auf die Füße fällt. Natürlich darf – und das ist auch gut so – jeder seine Meinung in Wort Schrift und Bild frei äußern. Dem Grundgesetz sei Dank. Aber weil jeder alles formulieren darf, darf der Empfänger der Botschaft nicht unkritisch werden. Es gibt vertrauenswürdige und eben auch keineswegs vertrauenswürdige Quellen. Selbst Quellen, denen man generell blind vertrauen kann, sind nicht dagegen gefeit auch mal „daneben“ zu liegen. Man soll und muss stets den eigenen Kopf nutzen. Informationen hinterfragen, prüfen ob es „Informationen“ oder Fakten sind, die mir gerade präsentiert werden. Insbesondere wenn ich Informationen verbreite (teile) habe ich eine Verantwortung wie sie jeder Journalist hat: Ich sollte eine – glaubwürdige, unabhängige – Sekundärquelle vorweisen können. Das Argument „das habe ich im Internet gelesen“ ist nicht valide. Jeder kann eine Webseite (Facebookposting) erstellen und dort schreiben: „Bob Dylan ist der Vater des amerikanischen Präsidenten von George Washington“. Nun kann ich auf diese Webseite/Posting ´verweisen und sagen: „Sieh, dort steht es“. Wird es aber dadurch wahr? Wohl kaum.

Umso mehr Informationen uns präsentiert werden, desto wichtiger wird es die Quellen sowie die Plausibilität des Inputs zu prüfen. Wie kommt es, dass der Berufsstand der recherchierenden Journalisten als „Lügenpresse“ verunglimpft wird (ok, ein paar Leute sind auch in diesem Bereich „bemerkenswert“ daneben – aber dies sind Ausnahmen!), andererseits aber schwurbelnd lallende Verschwörer (die nur rudimentär der deutschen Sprache mächtig sind) zu Meinungsmachern werden?

Deutschland erwache! – Im Sinne von Kurt Tucholsky

Wenn Christen und Moslems essen gehen

Cem Basman brachte mich mit seinem Blogeintrag

Martin Luther King und Malcolm X stehen für zwei gegensätzliche Optionen, wie „nationale Minderheiten“ behandelt werden wollen. King war ein Verfechter der Integration und Gleichberechtigung. MalcolmX ein Befürworter der getrennten Wege und dem Jeden-nach-seiner-Fasson vereinfacht gesagt. Für beide Optionen gab und gibt es gute und weniger gute Gründe.

auf eine Parallele zwischen den Themen Glaube und Essgewohnheiten (Cem, meine Muße..). Könnte man den Glauben nicht einmal kurzfristig mit Essgewohnheiten gleichsetzen? Also das derzeit schwelende Thema „Christen vs. Moslems“ mit dem Thema „Fleischfresser und Veganer“?

Es gibt Veganer, die ernähren sich schweigend vegan. Sie versuchen nicht zu bekehren und drängen niemanden auf, ihre Essgewohnheiten zu übernehmen. Komme ich super mit klar – kein Problem. Genau so gibt es die Fleischfresser, die einfach Fleisch in jedweder Form und Menge zu sich nehmen. Solange niemand versucht den anderen zu bekehren, man bei einem Bier/Wein/Whatever zusammen sitzt und sich über seine Erfahrungen mit den jeweiligen Essgewohnheit austauscht: Super! Wer sich tiefer gehend mit dem Themenkomplex Ernährung auseinander setzen möchte, studiert vielleicht Ökotrophologie.

Nur wenn die eine Seite versucht die andere zu „bekehren“ oder zu unterdrücken, sind Probleme programmiert.

Schwierig kann zum Beispiel die Situation werden, wenn Veganer und Karnivoren gemeinsam essen gehen möchten. Wenn – worst case – beide Fraktionen annähernd militant sind, muss entschieden werden: Salatbar oder Frikadellenspezialist. Hier muss zwangläufig eine „Ansicht“ zurückstecken, wird also von der anderen Seite in der persönlichen Freiheit eingeschränkt.

Lösbar ist das Problem, wenn eine Lokalität aufgesucht wird, welche sowohl eine große Auswahl an veganen Gerichten als auch an fleischhaltigen Speisen anbietet. Hier können alle Beteiligten sich frei nach ihren Vorlieben ernähren. Man kann gemeinsam lecker essen, Spaß haben – diverse Getränke zusammen einnehmen und vielleicht wird ein langer Abend und eine Verabredung für das nächste Wochenende daraus.

Wenn ich obiges auf den Glauben übertrage. In welchem Land möchtest Du leben? In der Salatbar oder der Frikadellenbraterei? Wäre es nicht toll, wenn man stets genau DAS machen könnte, wonach einem der Sinn gerade steht? Im Zweifel heute Salat und morgen ein blutiges Steak? Ich möchte nicht nur von radikalen Christen/Moslems/Buddhisten/Juden/whatever umgeben sein. Ich möchte mit allen reden können. Gemeinsam am Tisch sitzen.

LOBLIED – ein Gastbeitrag

Es folgt ein Gastbeitrag meiner Ehefrau. Ein Loblied auf unser beider Wahlheimat.

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Unsere Shopping-Mall hat aktuell eine Ausstellung mit lebenden, exotischen Tieren. Papageien, Frettchen, Schlangen usw.
Gestern nach dem Einkaufen schlenderte ich durch die Passagen und guckte mir das eine oder andere Tier genauer an. Vor einem Kasten blieb ich etwas länger stehen, denn darin befand sich eine Riesen-Vogelspinne.

Während ich das Tier betrachte, kommt eine Mutter mit einem kleinen Mädchen. „Una araña, “ sagt die Mutter. „Eine Spinne.“„Donde, donde?“ fragt die Kleine. „Wo denn?“ „Aquí,“ sage ich, soviel Spanisch kann ich noch. Ich zeige auf die Spinne, die sich ganz ins Eck verkrochen hat. Das Mädchen reißt die Augen auf: „Ooooh!“

Ein paar Schritte weiter, ich habe die Shopping-Mall verlassen, stehe ich an der Ampel. Neben mir unterhält sich ein Pärchen. Russisch oder Polnisch? Ich verstehe ein paar Wortfetzen. Auf der anderen Straßenseite warten drei Jugendliche. Zwei sind schwarz, einer hell und bebrillt. Sie scherzen miteinander. Eine Frau mit Hijab kommt dazu, sie schiebt einen Buggy mit einem kleinen Mädchen darin. Ich lächle beide an. Die Frau lächelt freundlich zurück.

Ich biege in meine Straße ein, ein kleiner Junge läuft mir entgegen. Sein Eltern rufen ihn. Seine Mutter trägt auf der Stirn ein Bindi, einen aufgemalten Punkt. Ihr Sari strahlt rot im Abendlicht.

Ich wohne in Hamburg in einem Stadtteil, der kürzlich von Die Zeitirgendwie liebevoll, aber auch etwas abfällig als „Die Bronx von Hamburg“ bezeichnet wurde. Der traurige Held in Heinz Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“ verbringt hier seinen Alltag – wenn er nicht gerade auf irgendeinem Schützenfest auf dem Land mit den Tiffanys auftritt. Bewohner anderer, angesagter Stadtteile, setzen keinen Fuß in diese Tristesse, wenn sie nicht müssen. „Zu viele Kopftücher“ hört man dann schon mal. Ghetto, Assi-Stadtteil usw. Wenig charmant. Grau, trist, spießig soll es hier sein. Das Gegenteil also von schick und angesagt. Das ist Harburg. Das ist mein Stadtteil. Der „falsche“ Stadtteil.

„Ausländer, wo man hinschaut“.  Der besorgte Bürger ist auch in Hamburg zuhause und pflegt rassistische Ressentiments, gerne auch mit musikalischer Unterstützung: „In Harburg fängt der Balkan an“ singt Willem F. Dincklage. Und Beginner ergänzt in holpriger Grammatik: „Denn da im Süden von der Elbe, da sind die Leute nicht dasselbe.“

Ich schließe die Wohnungstür auf und denke so bei mir, wie wunderbar es ist, in diesem Teil Hamburgs zu leben. Wir verbinden mit Großstädten häufig Internationalität. Denkt man z.B. an New York kommt einem schnell der Begriff Melting Pot in den Sinn.
Ich frage mich, warum das, was ich an anderen Metropolen so charmant finde, bei mir zuhause beängstigend oder abstoßend sein sollte.  Ich empfinde es als Bereicherung, dass so viele Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen in meinem Stadtteil wohnen. Ich mag diese Vielfalt,  ich finde meinen  Hausarzt wunderbar, meinen Frauenarzt kompetent und hilfsbereit, ich mag unsere Lottofee und staune über den Verkäufer in Uncle Sam’s, dem kleinen Laden mit der großen Palette afrikanischer Spezialitäten. Ihre Wurzeln sind mazedonisch, türkisch, japanisch und polnisch. Möchte jemand zuordnen?

„Es gibt Orte, die sollte man früh verlassen, wenn man noch etwas vorhat im Leben“. sagt Heinz in Heinz Strunks Roman über meinen Stadtteil.  Der Autor Heinz, der übrigens gar nicht so heißt, hat sich das ja zu Herzen genommen und ist vor ein paar Jahren nach Winterhude gezogen. Ist auch passender für gut situierte ältere Mitbürger.

Ich dagegen denke, Beginner haben recht, nur eben anders als gedacht: Südlich von der Elbe, da sind die Leute nicht dasselbe. Zum Glück!

Mein Deutschland

Es ist wohl eher Zufall, dass sich die Spermie aus der ich mich entwickelte, einem deutschen Körper entstammte und sich in die Eizelle einer deutschen Frau einnistete. Purer Zufall! Genau so ein Zufall, dass es ausgerechnet diese eine Spermie war, welche die Eizelle erreichte, die eben mich ausmacht.

So, nun bin ich also Deutscher. Bin ich „stolz“ ein Deutscher zu sein? Nöö, ich bin froh in Deutschland aufgewachsen zu sein, hier die Chance auf Krankenversorgung und Schulbildung zu haben, die mich im Sudan wohl eher nicht erreicht hätte. Ich habe keinen Grund stolz auf ein Land zu sein. Ich würde mich auch nicht schämen Deutscher zu sein. Schämen kann ich mich über Dinge, die ich selbst zu verantworten habe. Wenn ich etwas blödes tue, dann habe ich vielleicht Grund zu schämen. Ich kann stolz auf mich sein, wenn ich eine Leistung vollbringe,  die eher nicht banal ist. Aber stolz auf Deutschland? Damit habe ich nichts zu tun. Genau so wenig wie ich einen eigenen Stolz daraus ziehen kann, dass die deutsche Nationalmannschaft Weltmeister wird. Ich kann mich für die Leistung der Mannschaft freuen. Stolz kann man auf eigene oder fremde Leistung sein, aber dies muss man trennen. Im Falle der Nationalmannschaft ist dies der Stolz auf eine fremde Leistung. Ich freue mich für die Beteiligten – habe selbst aber weder ein Tor geschossen, noch einen Elfer gehalten. Deutscher zu sein oder in Deutschland zu leben ist aber keine Leistung, eher – gerade in der heutigen Zeit – ein Privileg.

Jetzt – nach dem Amoklauf eine jungen Menschen in München kommen sie wieder aus den Löcher, die „Stolzdeutschen“. Verdammt – ja ich bin seit gestern wieder auch ein bisschen mehr froh Deutscher zu sein, denn was gestern in München unter den Hashtags #Opendoor oder #offeneTuer auf Twitter los war macht mich stolz auf die Menschen die selbstlos für ihre Mitmenschen da sind. Die helfen, weil sie helfen können. Warum fällt mir jetzt der Begriff „Gutmensch“ ein? Wahrscheinlich weil es – wenn es um Kriegsflüchtlinge geht – eher beschimpfenswert zu sein scheint, sich menschlich, gut zu verhalten. Sich – im tiefsten christlichen Sinne – selbstlos für Bedürftige einzusetzen. Auch Moscheen wurden gestern für Bedürftige geöffnet. Ob unsere Islamfeinde dieses Angebot angenommen hätten, wenn sie in Not wären? Oder würden Sie im Winter lieber die Nacht im Schneeregen draußen erfrieren, als Hilfe von einem Moslem anzunehmen?

Mein Deutschland hilft, wenn Menschen in Not sind. Mein Deutschland hat viele Möglichkeiten bedürftigen Menschen zu helfen. Und dass ist der Punkt, an dem ich noch mehr froh bin in Deutschland zu leben: Weil es hier viele Menschen gibt, die stolz darauf sein können zu helfen. Die ihre Türe nicht verschließen wenn Hilfe gebraucht wird. Dies ist mein Deutschland.