Polizeifestspiele in Hamburg?

Der Spiegel berichtet gestern in seiner Onlineausgabe von der Befürchtung der Linken Szene, es könnte zu einer – von der Polizei ausgehenden Eskalation der Gewalt kommen. Es fallen Begriffe wie Polizeifestspiele und „angekündigter Eskalation“:

„Das werden Polizeifestspiele“, sagt Andreas Blechschmidt, der für das linksautonome Kulturzentrum Rote Flora in der Sternschanze spricht. Die Behörden der Stadt hätten die anstehenden Proteste gegen den Gipfel von Anfang an stigmatisiert und kriminalisiert. Damit werde vor allem eines erreicht: die Wut bei den Demonstrierenden noch zu steigern. „Es wird eine angekündigte Eskalation.“

Ja, auch ich sehe da eine angekündigte Eskalation. Ich hoffe, ich stehe weit jenseits der Verdachtes eine hörige Marionette des Polizeistaates zu sein. Denn ich wittere derzeit eher auf der Seiten der G20-Gegner eine massive Tendenz zur Gewalt. Gerade heute stolperte ich über folgenden Tweet der 

S-Bahn-Strecke zw. & wg. im Gleis. zur eingesetzt. *mm

Ja, liebe Linke – das sehe ich ganz klar als reine Notwehr eurerseits an. NICHT!

Und was war mit den Brandstiftungen auf die Infrastruktur der Bahn? War das auch nur eine Reaktion auf die Eskalation der Polizei? Sagt mal, habt ihr denn wirklich das Dach am brennen? Oder steht eure Dachkammer aufgrund der Hohlraumversiegelung außerhalb des Verdachtes überhaupt entflammbar zu sein?

Bereits seit den Anti-AKW Demos in Sachen Brockdorf verfolge ich die Gewaltbereitschaft einzelner Vollhonks. Ja, ich bin ja bei euch, dass so einiges faul ist im Staate Deutschland und auch an Heine kommt mir in den Sinn „Denk ich an Deutschland in der Nacht“. Aber kann es nicht sein, dass es eben diese zerebralentkernten Idioten sind, die die gute Sache sabotieren? Schon 2014 schrieb ich über ein Erlebnis dass diese Deppen meiner Tochter bereitet hatten. Sie war zu einer Demonstration gegangen und es war nicht die Staatsmacht, welche ihr Angst machte, sondern es waren diejenigen die eigentlich mit ihr auf einer Seite standen: Die Steine werfenden Demonstranten, die meine Tochter damals wohl als Kollateralopfer in Kauf nahmen.

Der größte Gegner des Demonstrationsrechts ist – in meinen Augen – nicht die Polizei, sondern es sind die Gewaltboys, die oftmals aus „gutem Hause“ kommen denen es nicht mehr reicht ab und an mal einen Mercedesstern abzubrechen, sondern die richtig Randale machen müssen. Leute: Wenn ihr wirklich die Herausforderung braucht um mal so richtig das Leben zu spüren, dann durchschwimmt den Ärmelkanal. Oder bezwingt den Mount Everest oder macht sonst was. Aber diese – meist eben von dieser kleinen Personengruppe ausgehende Gewalt bei Demonstranten führt eben dazu, dass der Staat seine Kräfte verstärkt (verstärken muss!). Ihr tut der Sache keinen Gefallen, sondern ihr beschädigt sie und seit einer der Ursachen dass wir stets mehr zu einem Polizeistaat werden.

Habt ihr euch mal überlegt, was der Kollateralschaden eurer Randale ist? Ich zähle es nochmal für euch auf:

  • Der Staat rüstet auf, um sich selbst und den Besitz der Bürger zu schützen (Fensterscheiben, Infrastruktur). BTW: Die Bahninfrastruktur wird nicht von den Audi A8 und Mercedes-Fahrern finanziert – es sind die kleinen Leute mit Monatskarte ihr Deppen.
  • Diejenigen, die eigentlich an eurer Seite stehen könnten, haben keine Lust sich zwischen euch und der Staatsgewalt aufreiben zu lassen. Dies betrifft nicht nur alte Säcke wie mich, sondern auch junge Menschen die ihr verprellt mit euch Flagge zu zeigen.
  • In den Medien wird die Headline „100.000 Menschen demonstrieren gegen XY“ von der EIL-Meldung „Schwere Ausschreitungen in Hamburg“ abgelöst. Die Wahrnehmung des Bürgers wird nicht durch „Lügenpresse“ beeinflusst sondern durch euren Schwachsinn.

Der Spiegel schreibt, es wird von dem linken Spektrum als Erfolg angesehen, dass sich unterschiedliche Gruppen (die sich sonst nicht so „grün“ sind) vernetzen. Einen echten Erfolg würden die Organisatoren feiern können, wenn es eben zu keiner Randale kommen würde. Aber daran mag ich nach fast 40 Jahren Beobachtung der Szene leider nicht mehr glauben. Und daran ist eher weniger die Staatsgewalt schuld.

Nachsatz: Ich kenne noch so einige Leute, die politisch aktiv sind und auch Demos organisieren. Ich habe sehr viel Respekt vor ihrem Einsatz. Aber wenn ich als Ordner bei einer Demo gegen als Ordner eingesetzt bin und mir eben eine dieser – deutlich links stehenden – Personen als Versammlungsleiter erklärt „Holger da sind ein paar „schwarze“ behalte Du die mal bitte im Auge, die kannst so schön böse gucken“, sollte dies diese kleine Teilmenge eigentlich nachdenklich machen. Euch will keiner – und wenn ihr damals eskaliert hättet, hätte ich euch gezeigt was ich unter „Anwendung unmittelbaren Zwanges“ verstehe.

Meidet das Agaplesion Diakonie Klinikum in Hamburg

Wenn eine Krankenschwester was die Frage nach dem Zustand deiner Mutter angeht, auf einen Arzt verweist, ist meist „Holland in Not“. Sollte die Diagnose eine Bagatelle sein, hat eine „normale“ Krankenschwester kein Problem damit, zu sagen „Alles im Lack, geht bald wieder“. Nur in schweren Fällen (haben Sie schon die Beerdigung organisiert), muss zwingend der Arzt die Nachricht überbringen. Zumindest ist dies meine Erfahrung. Meine Mutter (schwerstens dement) war schon des öfteren in Krankenhäusern und es war stets „kein Problem“ für mich als Sohn zu erfahren, was der Sachstand ist. Heute allerdings erlebte ich im Agaplesion Diakonie Klinikum etwas, das ist „bemerkenswert“.

In Hamburg gibt es das Agaplesion Diakonie Klinikum, ein Zusammenschluss der Krankenhäuser Alten Eichen, Bethanien und Elim. Gestern Mittag begab es sich, dass meine – in einem Pflegeheim lebende – Mutter in eben dieses Agaplesion Diakonie Klinikum eingewiesen wurde. Dass mein Vater am Nachmittag der Einlieferung keine Auskunft bezüglich der Diagnose, was den Zusammenbruch meiner Mutter angeht, erhalten konnte, dafür habe ich Verständnis. Manchmal braucht eine Diagnose ein wenig.

Heute – über 24 Stunden nach der Einlieferung der Patientin – besuchte ich meine Mutter und versuchte herauszufinden, was ihr denn nun fehlen würde. Ohnehin empfiehlt es sich, vor dem ersten Besuch eines Patienten das Schwesternzimmer aufzusuchen. Also ging der erste Weg zum Schwesternzimmer, um zu erklären, dass ich der Sohn der Patientin bin und diese nun besuchen möchte. „Ja, die liegt in Zimmer XY – dort“.

Also begab ich mich mit der besten Ehefrau von allen, meinem Bruder samt Schwägerin zu dem Zimmer mit Nummer XY. An der Zimmertür hing ein Ausdruck „Besucher vor dem Betreten bitte im Schwesternzimmer melden“. Da mir aus dem Schwesternzimmer der Weg gewiesen wurde, machten wir uns keine Gedanken – wir hatten uns ja gemeldet. Ich umarmte meine Mutter mit den Worten „Ja ich bin es, dein Sohn Holger“. Das hat sich als großartig herausgestellt, da demente Personen das Gegenüber (selbst den Sohn) zwar als „den kenne ich“ identifizieren, aber nicht einer Personen/einem Namen zuordnen können.

Wir stellten fest, dass im Zimmer meiner Mutter nur Wasser als Getränk zur Verfügung steht. Da meine Mutter Wasser pur eher abgeneigt gegenüber steht, galt es also eine Pflegeperson zu bitten z.B. Apfelsaft zum Mischen einer Schorle zur Verfügung zu stellen.

Neben den Schwestern im Schwesternzimmern wuselte noch ein – sehr netter! – Pfleger durch die Gänge, welcher auch sehr schnell eine Karaffe mit Apfelsaft brachte. Vor dem Betreten des Patientenzimmers allerdings „verkleidete“ er sich: Mundschutz, Handschuhe und Überkittel. Auf unser „Hääää“ erklärte er, dass meine Mutter einen Keim in sich tragen würde, der diese Vorsichtsmaßnahme nötig machte, deshalb hing auch das Schild (Remember: „Besucher vor dem Betreten bitte im Schwesternzimmer melden“). Keiner von uns Besuchern wurde vorher von den anwesenden Schwestern darauf aufmerksam gemacht – obschon diese wussten in welches Zimmer wir wollten. HALLO? Geht es noch? Pflegenotstand OK, aber darf ich jetzt aufgrund einer eventuellen Ansteckungsgefahr keinen ÖPNV mehr nutzen? Holger war ECHT sauer.

Aber auch auf einer anderen Ebene hat sich das “ Agaplesion Diakonie Klinikum“ definitiv nicht mit Ruhm besudelt: Bis jetzt weiß keiner der Angehörigen, was meiner Mutter denn nun fehlt. Nicht einmal die Information „Wir müssen noch weitere Untersuchungen abwarten“ gibt es bislang. Nichts, nada. Außer eben „Ich kann nichts sagen, Sie müssen mit einem Arzt sprechen“. Wobei kein Arzt verfügbar war (Besprechung) und den ganzen Rest des Tages niemand an das Stationstelefon ging. Keine Möglichkeit für die Angehörigen auch nur annähernd zu erfahren, was denn nun der Status ist.

Wem seine Angehörigen und die eigene Gesundheit am Herz liegt, der sollte einen RIESENbogen um diese Klinik machen. Denn selbst wenn das Pflegepersonal durch Krankheit oder ähnliches massiv gebeutelt ist, sollte weder ein Patient noch dessen Angehörigen die Erfahrung machen, die uns heute präsentiert wurde.

LOBLIED – ein Gastbeitrag

Es folgt ein Gastbeitrag meiner Ehefrau. Ein Loblied auf unser beider Wahlheimat.

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Unsere Shopping-Mall hat aktuell eine Ausstellung mit lebenden, exotischen Tieren. Papageien, Frettchen, Schlangen usw.
Gestern nach dem Einkaufen schlenderte ich durch die Passagen und guckte mir das eine oder andere Tier genauer an. Vor einem Kasten blieb ich etwas länger stehen, denn darin befand sich eine Riesen-Vogelspinne.

Während ich das Tier betrachte, kommt eine Mutter mit einem kleinen Mädchen. „Una araña, “ sagt die Mutter. „Eine Spinne.“„Donde, donde?“ fragt die Kleine. „Wo denn?“ „Aquí,“ sage ich, soviel Spanisch kann ich noch. Ich zeige auf die Spinne, die sich ganz ins Eck verkrochen hat. Das Mädchen reißt die Augen auf: „Ooooh!“

Ein paar Schritte weiter, ich habe die Shopping-Mall verlassen, stehe ich an der Ampel. Neben mir unterhält sich ein Pärchen. Russisch oder Polnisch? Ich verstehe ein paar Wortfetzen. Auf der anderen Straßenseite warten drei Jugendliche. Zwei sind schwarz, einer hell und bebrillt. Sie scherzen miteinander. Eine Frau mit Hijab kommt dazu, sie schiebt einen Buggy mit einem kleinen Mädchen darin. Ich lächle beide an. Die Frau lächelt freundlich zurück.

Ich biege in meine Straße ein, ein kleiner Junge läuft mir entgegen. Sein Eltern rufen ihn. Seine Mutter trägt auf der Stirn ein Bindi, einen aufgemalten Punkt. Ihr Sari strahlt rot im Abendlicht.

Ich wohne in Hamburg in einem Stadtteil, der kürzlich von Die Zeitirgendwie liebevoll, aber auch etwas abfällig als „Die Bronx von Hamburg“ bezeichnet wurde. Der traurige Held in Heinz Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“ verbringt hier seinen Alltag – wenn er nicht gerade auf irgendeinem Schützenfest auf dem Land mit den Tiffanys auftritt. Bewohner anderer, angesagter Stadtteile, setzen keinen Fuß in diese Tristesse, wenn sie nicht müssen. „Zu viele Kopftücher“ hört man dann schon mal. Ghetto, Assi-Stadtteil usw. Wenig charmant. Grau, trist, spießig soll es hier sein. Das Gegenteil also von schick und angesagt. Das ist Harburg. Das ist mein Stadtteil. Der „falsche“ Stadtteil.

„Ausländer, wo man hinschaut“.  Der besorgte Bürger ist auch in Hamburg zuhause und pflegt rassistische Ressentiments, gerne auch mit musikalischer Unterstützung: „In Harburg fängt der Balkan an“ singt Willem F. Dincklage. Und Beginner ergänzt in holpriger Grammatik: „Denn da im Süden von der Elbe, da sind die Leute nicht dasselbe.“

Ich schließe die Wohnungstür auf und denke so bei mir, wie wunderbar es ist, in diesem Teil Hamburgs zu leben. Wir verbinden mit Großstädten häufig Internationalität. Denkt man z.B. an New York kommt einem schnell der Begriff Melting Pot in den Sinn.
Ich frage mich, warum das, was ich an anderen Metropolen so charmant finde, bei mir zuhause beängstigend oder abstoßend sein sollte.  Ich empfinde es als Bereicherung, dass so viele Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen in meinem Stadtteil wohnen. Ich mag diese Vielfalt,  ich finde meinen  Hausarzt wunderbar, meinen Frauenarzt kompetent und hilfsbereit, ich mag unsere Lottofee und staune über den Verkäufer in Uncle Sam’s, dem kleinen Laden mit der großen Palette afrikanischer Spezialitäten. Ihre Wurzeln sind mazedonisch, türkisch, japanisch und polnisch. Möchte jemand zuordnen?

„Es gibt Orte, die sollte man früh verlassen, wenn man noch etwas vorhat im Leben“. sagt Heinz in Heinz Strunks Roman über meinen Stadtteil.  Der Autor Heinz, der übrigens gar nicht so heißt, hat sich das ja zu Herzen genommen und ist vor ein paar Jahren nach Winterhude gezogen. Ist auch passender für gut situierte ältere Mitbürger.

Ich dagegen denke, Beginner haben recht, nur eben anders als gedacht: Südlich von der Elbe, da sind die Leute nicht dasselbe. Zum Glück!