Springerverlag attestiert seine eigene Hilflosigkeit in Sachen Tagesschau-App

Dankenswerterweise stellt Christoph Keese gleich zu Beginn seines Artikels im Presseschauer klar:

Vorab sei angemerkt: Ich bin in dieser Sache befangen, da mein Arbeitgeber klagt

Somit ist die Zielrichtung des Artikels vorab geklärt. Dieser Artikel enthält einige Passagen, zu denen ich einfach meinen Senf loswerden muss. So zum Beispiel wenn Keese schreibt

Am Ende haben wir uns für die Klage entschieden, weil wir keine andere Möglichkeit mehr gesehen haben, das legitime Interesse der freien Presse gegen die ungehemmte Expansion der öffentlichen Sender zu verteidigen.

Diesen Passus lese ich wie folgt:

Am Ende haben wir uns für die Klage entschieden, weil wir keine andere Möglichkeit mehr gesehen haben, unsere Hilflosigkeit gegenüber den erfolgreicher im Internet agierenden der öffentlichen Sender zu verteidigen.

Der Satz

Viel lieber wäre es uns gewesen, eine gütliche Einigung mit der ARD oder der Politik zu erreichen.

heisst doch

Viel lieber wäre es uns gewesen, ARD oder Politik würden uns besser unterstützen und uns vormachen, wie man mit modernen Medien umgeht.

Wunderschön ist auch folgender Passus:

Symptomatisch war der gestrige Tweet von Hansjörg Schmidt (SPD, @hschmidt), Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft sowie medien- und netzpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Schmidt schrieb bei Twitter:

„Die Klage einiger Verlage gegen die Tagesschau-App ist eine bedauernswerte Verzweiflungstat.“

Dieser Tweet fand große Resonanz und wurde oft retweeted. Inhaltlich aber ist er unhaltbar. Medienpolitik ist Sache der Bundesländer, nicht des Bundes.

indem Keese anscheinend die Meinungsfreiheit eines Politikers versucht zu unterdrücken, nach dem Motto: Du hast keine Meinung zu Themen zu haben, die nicht auf deiner Agenda stehen. Ich sehe die BILD-Redakteure schon die Archive durchkramen um Hansjörg Schmidt die nächsten Tage zum „Verlierer des Tages“ zu machen.

Wunderbar ist auch folgende Aussage:

Im Rundfunkstaatsvertrag steht wörtlich:

„Nichtsendungsbezogene presseähnliche Angebote sind nicht zulässig.“

Ich frage mich, ob eine Software, die es dem Nutzer ermöglich die Inhalte des Onlineangebotes der Sender komfortabler zu sichten, als „Angebot“ im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages gelten kann. Andererseits: Ist eine Software – die funktionell sehr eng mit einem Webbrowser verwandt ist – überhaupt ein presseähnliches Angebot? Welche „Inhaltepräsentationsprogramme“ sind denn presseähnlich?

Gleich anschliessend nutzt Keese den so Springer-typischen Kunstgriff, die Person anzugreifen, wenn Sachargumente nicht mehr greifen:

Ganz gleich, wie man Schmidts Tweet interpretiert, er zeigt sehr deutlich einen Typus von Medienpolitiker, der sich gar nicht bewusst ist, dass es eigentlich seine Aufgabe wäre, klare Verhältnisse zu schaffen, einen dauerhaften Frieden zwischen Privaten und Öffentlichen herbeizuführen sowie die Koexistenz beider Systeme zukunftssicher zu gestalten.

Ich interpretiere dies als Schwäche in der Sache. Eben dieselbe Schwäche, die es den Verlagen zu schwer macht ein Geschäftsmodell für die digitale Zeit zu kreieren.

Folgende Sätze möchte ich gern in Marmor gemeisselt bei den klagenden Verlagen – insbesondere bei Burda und Springer – in den Haupteingang verewigt wissen:

Stattdessen tut Schmidt so, als sei er ein Außenstehender, der sich bedenkenlos auf die Seite einer Konfliktpartei schlagen kann. Ihn bekümmert nicht, dass er der Regierungspartei eines der wichtigsten Medienstandorte Deutschlands angehört, ebenso wenig wie ihn zu beschäftigen scheint, dass private Verlage wie Gruner+Jahr, Jahreszeiten, Bauer, Zeit und Spiegel zu den wichtigsten Unternehmen seiner an Hauptverwaltungen wahrlich nicht reichen Heimatstadt zählen.

Politiker dürfen sich nicht auf die Seite einer Konfliktpartei stellen! Damit wäre der Lobbyismus endlich beendet. Letztendlich bedeutet dies aber auch, dass Politiker am besten gar keine Meinung mehr haben dürften. Denn laufen diese nicht stets Gefahr sich für oder gegen eine Seite auszusprechen?

Man müsste über Schmidts Tweet nicht soviel reden, wenn er nicht so bezeichnend für den Zustand der deutschen Medienpolitik wäre, weit über Hamburg hinaus.

Selbes gilt für Keeses Text. Man müsste gar nicht auf ihn reagieren, würde er nicht überdeutlich die hilflose Lage der Verlage verdeutlichen, die schlicht „null Plan“ haben, wie sie ihre Geschäftsmodelle in das digitale Zeitalter transportieren können.

Die Verlage bringen erfolgreiche Apps heraus. Bild, Welt, Faz, Süddeutsche, Spiegel, Stern, Handelsblatt – die Liste der Verlags-Bestseller im AppStore ist lang. Kaum eine andere Branche war so schnell, so früh und so erfolgreich im AppStore wie die Verlagsbranche.

Wir klagen nicht, weil wir erfolglos wären, sondern weil die Tagesschau den Markt verzerrt und unfairen Wettbewerb praktiziert.

Aha! Das zur Verfügung stellen einer anwenderfreundlichen Software verzerrt den Markt und erschafft einen unfairen Wettbewerb! Ich schätze mal, diese Berufszauderer der Holzmedien wissen nicht einmal, was diese Programme eigentlich machen. Nur aus totaler Unkenntnis der Fakten (der modernen Kommunikationswelt?) lassen sich solche hahnebüchenen Ängste unters Volk bringen.

Worin besteht denn die angebliche Marktverzerrung?

Verlage müssen versuchen, Vertriebserlöse auch für ihre elektronischen Produkte aufzubauen, wenn sie den digitalen Wandel bestehen wollen. Anzeigenerlöse reichen nicht. Nicht im offenen Web, wo Anzeigen bei den meisten journalistischen Webseiten nicht im Ansatz genügen, um die Kosten zu decken. Und schon gar nicht bei Apps, für die es bisher kaum Anzeigen gibt.

Leider versäumt Kesse an der Stelle zu erklären, in welcher Form eine kostenfreie(!) Software hier die Erlöse der Verlage auch nur touchiert.

Aber sind die elektronischen Märkte nicht Zukunftsmärkte, in die man investieren muss und von denen man nicht sofort Gewinn erwarten kann?

Ja, aber das World Wide Web wird bald 20 Jahre alt. Es werden dort Milliarden verdient. Am Internet als solchem kann es also nicht liegen, wenn mit Journalismus im offenen Netz kein Geld zu verdienen ist. Es liegt auch nicht an mangelndem Erfolg der Anbieter. Verlage erzielen mit ihren Webseiten gewaltige Reichweiten. Aber sie verdienen meist nichts an ihnen. Milliardengewinne im Netz, enorme Reichweiten der Verlage, trotzdem Verlust – da liegt der Verdacht nahe, dass die Wertschöpfung ungerecht verteilt wird. Axel Springer meldet zwar gute Gewinne mit Internet-Geschäften. Doch das sind zumeist nicht-journalistische Angebote wie Preisvergleichsmaschinen, Immobilienportale oder Stellenbörsen. Guter Journalismus im Netz kann aber nicht auf Dauer auf Quersubventionen aus anderen Geschäften angewiesen bleiben.

Warum denn bitte nicht? In vielen Wirtschaftszweigen wird mit Quersubventionen gearbeitet. Ist es nicht auch das Prinzip der Printwerbung, dass mit ihr der teure Druck erst finanzierbar wird? Oder wirtschaftet die Anzeigenabteilung auf eigene Kasse? Herr Keese, diese Aussage ist – mit Verlaub – Bullshit.

Keese hält – da ist er wenigstens stabil – stets an der Gleichstellung Zugriffssoftware<->Inhalt fest

Die mutigsten und besten Verlage bekommen vielleicht die Hälfte von dem heraus, was möglich wäre, wenn die Tagesschau nicht kostenlos angeboten würde. Mit ihrem Nullpreis-Signal drückt die Tagesschau das ganze Segment nach unten, senkt die Umsätze und erschwert die Finanzierung von Journalismus. Darin besteht die Marktverzerrung.

Die kostenfreie Software bedeutet keinen wirtschaftlichen Erfolg. Selbst Spielehersteller gehen mittlerweile oft den Weg die Software kostenfrei heraus zu geben um dann mittels „Abo“ den steten User für die Nutzung des Dienstes zu fakturieren. Aber Kesse muss so stabil auf diesem verdammt dünnen Eis bleiben, denn um ihn herum ist argumentative Tiefsee.

An dieser Stelle muss ich einfach abbrechen, zu hilflos und realitätsfremd scheint mir dieser sehr lange und wohl auch teure (Keeses Arbeitszeit wird schliesslich von Pressekunden bezahlt) Artikel zu sein.

Vielleicht ist Keeses Artikel auch schlich das Pfeifen im Wald eines untergehenden Wirtschaftszeiges. Denn in Perspektive wird niemand mehr Nadelholz fällen um Printmedien zu belächeln. Lasst uns den seinen im vorbeigehen eine Münze in den Hut werfen, solltet ihr sie am Strassenrand auf einer Decke sitzen sehen.

 

2 Gedanken zu „Springerverlag attestiert seine eigene Hilflosigkeit in Sachen Tagesschau-App

  1. „…dieser sehr lange und wohl auch teure (Keeses Arbeitszeit wird schliesslich von Pressekunden bezahlt) Artikel zu sein.“

    Das ist nicht ganz klar, da er im Impressum seines Blogs extra auf den privaten Charakter seinen Medienangebots hinweist.

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