Ich bin ein Flüchtlingskind

„Flüchtlinge“ – ein Wort reicht um bemerkenswert große Teile der Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Aber mal Hand aufs Herz: Wer ist nicht das Kind oder ein Enkelkind eines Flüchtlings – oder hat zumindest in seinem Freundeskreis ein Flüchtlingskind?

Meine Mutter ist zu Kriegsende mit ihrer Mutter von Hamburg in die Nähe von Bremen geflohen. Denn auf dem Bauernhof auf dem sie dort unterkamen gab es – im Gegensatz zu Hamburg – etwas zu essen. Ja, in gewisser Weise war meine Mutter ein Wirtschaftsflüchtling – sie flohen vor dem Hunger.

Die Eltern meiner Frau sind Sudetendeutsche. Sie sind 1945 vor den Russen nach Deutschland geflohen, um dem Arbeitslager oder gar schlimmeren zu entgehen. Sie waren politische Flüchtlinge.

Sowohl meine Mutter als auch die Eltern meiner Frau waren damals ebenfalls nicht in Deutschland willkommen. Wer heute schreibt „Kriegsflüchtlinge waren wenigstens Deutsche“ hat keine Ahnung, wie Deutsche damals mit den Deutschen umgingen. Aber sowohl meine Mutter als auch die Eltern meiner Frau haben es in ihrer neuen Heimat zu etwas gebracht. Sie wurden wertvolle Mitglieder der Gesellschaft, haben sich in ihrer neuen (fremden) Heimat eingelebt und zurecht gefunden. Sind Ingenieure und Lehrer geworden. Haben Kinder in die Welt gesetzt, die heute Steuern zahlen und damit (nicht nur!) die Rentenkassen füllen.

Aus welchen Gründen flüchten Menschen heute nach Deutschland/Europa?

Flucht aus politischen oder religiösen Gründen:

Roma: Roma werden zum Beispiel in Rumänien diskriminiert, vertrieben und unterdrückt. (Amnesty-InternationalWikipediaCicero)

Flüchtlinge aus Tschetschenien: In Tschetschenien werden die Einwohner von russisch geprägten Machtstrukturen drangsaliert. Menschenrechte gelten nicht viel. (Wikipedia, Pro Asyl)

Nigeria: Fast eine Million Kinder ist auf der Flucht vor Boko Haram, die einen Islamistischen Staat aufbauen will. (Tagesschau).

Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, will mich aber nur auf ein paar Beispiele beschränken.

Flucht vor kriegerischen Handlungen:

Die aktuellen Kriege liste ich hier gar nicht erst auf. Siehe Deutsche Friedensgesellschaft

Flucht vor Hunger:

Die Gretchenfrage: Sollen Wirtschaftsflüchtlinge anerkannt werden? Um diese Frage zu beantworten, kann es hilfreich sein, sich ein wenig Informationen über die Fluchtgründe anzueignen:

  1. Lebensgrundlage Wasser:
    1. Der Schweizer Tagesanzeiger berichtet z.B. über den Nestlé-Konzern  „Ein früherer Gemeinderat aus Bhati Dilwan, dem Standort von Nestlés Wasserabfüllfabrik Sheikhupura in Pakistan, klagt über das dreckige Trinkwasser, das Kinder krank mache. Mit seinem Tiefbrunnen nehme Nestlé der Bevölkerung das Wasser weg. «Jetzt ist unser Wasser sehr dreckig, der Wasserspiegel sank von 100 auf 300 bis 400 Fuss.»“
  2. Lebensgrundlage Nahrung:
    1. Die ZEIT berichtete schon vor drei Jahren darüber, dass europäische Trawler vor Afrika die Meere leer fischen und die Lebensgrundlage der heimischen Fischer zerstören.
    2. Agrarprodukte. Reset z.B. berichtet, wie die billige europäische Landwirtschaft durch Subventionen und billige Massenproduktion dafür sorgt, dass auch die Landwirte in ärmeren Ländern von ihrem eigenen Ertrag nicht mehr leben können: „Übersubventionierte Milch aus der EU landete in Form von Milchpulver zu Dumping-Preisen auf den Weltmärkten und konnte selbst in Burkina Faso um mehr als die Hälfte billiger als die Milch der heimischen Hirten angeboten werden – obgleich Burkina Faso zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Ganz ähnlich verhält es sich mit Mais, Baumwolle, Reis, Fleisch und Weizen. Produkte, die eine zentrale Rolle in der Landwirtschaft des globalen Südens spielen, werden unbeeindruckt zu Dumpingpreisen abgesetzt. Im Senegal ist der Import von tiefgefrorenen Hühnerteilen aus der EU zwischen 1999 und 2003 um das Fünffache angestiegen und hatte die Schließung von 70 Prozent der einheimischen Betriebe zur Folge.“
    3. Exportgut Baumwolle: Die Afrikapost beschreibt, wie die Baumwollsubventionen in den USA die Lebensgrundlage auch der Baumwollfarmen zerstört: „Danach förderten die USA ihre heimische Baumwollproduktion mit Beihilfen und Exportzuschüsse in Höhe von 5 Mrd. US$ (knapp 50% der weltweiten Baumwollsubventionen). Die von USA und der EU subventionierte Überproduktion habe den Weltpreis in 2005 auf unter 0,45 Euro pro Pfund gedrückt. Da afrikanische Produzenten ab einem Pfundpreis von 0,65 Euro jedoch keine Gewinne mehr erzielten, sähen sie sich gezwungen, ihre Anbauflächen zu reduzieren und Einkommensbußen hinzunehmen.“
    4. Viehzucht: Auch was die Versorgung mit Fleisch angeht, entziehen die Industrieländer Afrika die Lebensgrundlage. Zitat ZEIT: „Europäisches Hähnchenfleisch ist in Westafrika so billig, dass die einheimischen Landwirte pleitegehen. Neue Handelsabkommen könnten den Druck verschärfen.“

Obige Beispiele zeigen, dass unser Wohlstand auch auf der Not der sogenannten „Dritten Welt“ basiert. Wir exportieren um Geld zu erwirtschaften, welche die Konzernchefs und Aktionäre reich macht und entweder unsere Arbeitsplätze sichert oder teilweise die Industrie stützt, die für unsere billigen Lebensmittel sorgt.

Die Frage, die sich jeder Mensch stellen sollte ist: Was würde ich tun, wenn ich in meiner Heimat nicht mehr sicher wäre? Wenn meine Sorge nicht die wäre: Wie wird das Wetter heute, oder wohin fahre ich in den Urlaub, sondern: Wie entkomme ich dem Hunger, Durst oder Krieg?

Die Generation unserer Eltern ist geflüchtet – und ich würde es ganz sicher auch tun. Warum also tun wir uns so schwer, Verständnis für Menschen aufzubringen, deren Not unserem Wohlstand geschuldet ist?

5 Gedanken zu „Ich bin ein Flüchtlingskind

  1. Danke. Sowas ging mir auch schon im Kopf rum, aber Du warst schneller – und hast außerdem gut recherchiert.

    Meine Mutter war ein Kleinkind, als ihre Mutter mit ihr und ihren zwei Brüdern aus Oberschlesien floh. Ich bin also ebenfalls Kind eines Flüchtlingskindes. Gelandet waren sie in Oberfranken, während die Eltern meiner Großmutter irgendwo in die Gegend von Hamburg verfrachtet wurden.

    Und auf dem Bauernhof in Oberfranken, auf dem sie sehr mürrisch aufgenommen wurden, mußten sie hart arbeiten. Der Bäcker im Ort rief immer nach dem Brot mit den größten Löchern, wenn die Flüchtlingskinder kamen, auch andere Händler versuchten, sie (gegenüber den Alteingesessenen) zu benachteiligen, und auch sonst waren sie nicht so wirklich willkommen.

    Auf die Idee, ihre Unterkünfte anzuzünden, war man immerhin nicht gekommen …

  2. Pingback: Besorgte Nachrichten, KW 31/2015 « Wir sind besorgte Bürger!

  3. Tja -so rum sehen es wohl nur die Wenigsten. Wenn man einmal selbst in die Lage kommen sollte sieht die Meinung viele Leute sicher auch anders aus (wie bei so vielen Themen!!) Meine Oma kommt aus Ostpreußen, ist ebenfalls ein Flüchtling… ich hoffe durch deinen Eintrag werden sich noch mehr Menschen bewusst darüber!
    LG

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